VoiceOver für Analphabeten

Aktuell, im Herbst 2019 beschäftige ich mich intensiv mit der Barrierefreiheit von Webseiten. Dazu gehören auch kognitive Einschränkungen. Darum möchte ich hier noch mal den Artikel posten, der inzwischen länger offline war. Geschrieben habe ich ihn im Herbst 2013. Damals war VoiceOver für Analphabeten eine ziemlich neue Möglichkeit um am digitalen Leben teilzunehmen.

Oder: Wie das iPad meine Schwester in die digitale Welt gebracht hat

Gestern hatte meine Schwester Geburtstag und wurde laut eigener Aussage “Anfang 30”. Im letzten Jahr habe ich ihr mein altes iPad geschenkt.

Als sie es auspackte entfuhr ihr ein freudiger Ausruf: “Ah – ein –––– Ding!”.
Sie wußte zwar nicht, was genau es war, fest stand jedoch, dass sie sich darüber sehr freute!

Schon seit Anfang des letzten Jahres hat sie mich und Andere in der Familie gelöchert, sie wünsche sich einen Computer. Um mir zu beweisen, wie gut sie damit umgehen kann, hat sie damals eine DVD alleine eingelegt und gestartet.Vielleicht ist jetzt der Zeitpunkt zu erwähnen, dass meine Schwester eine geistige Entwicklungsverzögerung hat und funktionale Analphabetin ist. Die Wikipedia beschreibt das auf sie bezogen sehr passend:

“Als funktionaler Analphabetismus oder Illettrismus wird die Unfähigkeit bezeichnet, die Schrift im Alltag so zu gebrauchen, wie es im sozialen Kontext als selbstverständlich angesehen wird. Funktionale Analphabeten sind Menschen, die zwar Buchstaben erkennen und durchaus in der Lage sind, ihren Namen und ein paar Wörter zu schreiben, die jedoch den Sinn eines etwas längeren Textes entweder gar nicht verstehen oder nicht schnell und mühelos genug verstehen, um praktischen Nutzen davon zu haben. Eine feste Grenze zwischen „verstehen“ und „nicht verstehen“ existiert dabei nicht.”

http://de.wikipedia.org/wiki/Analphabetismus (Stand 2013)

Es war beeindruckend, zu sehen, wie schnell sie sich mit der Bedienung des iPads zurecht gefunden hat. Ich hatte ihr zuvor eine E-Mail-Adresse bei GMX eingerichtet. Die Befürchtung meines Freundes war, dass diese Adresse wieder gesperrt werden könnte, wenn dort lediglich E-Mails eingehen, jedoch keine ausgehen. Nachdem ich meiner Schwester jedoch gezeigt hatte, wie sie die VoiceOver-Funktion ein- und ausschaltet, war sie sofort E-Mail süchtig..

VoiceOver für Analphabeten – hilft beim Lesen, motiviert zum Schreiben

Gemeinsam haben wir eine Standard-E-Mail entworfen und als Vorlage ausgedruckt. Wenn sie online ist, tippt und verschickt sie sehr fleißig immer gleich lautende E-Mails:

VoiceOver für Analphabeten – hilft beim Lesen, geschrieben wird selbst!
(Kein Betreff) Ich hab dich lieb – Wie geht es dir – Mir geht es gut – Was machst du gerade – Liebe Geüße *** – Bis bald (Tippfehler wie in dieser Mail sind sehr selten!)

Da sie sehr hartnäckig sein kann – und sehr ungeduldig dazu – kann es schon mal vorkommen, dass diese Mail mehrfach an einem Tag eintrifft.

Wirklich faszinierend waren jedoch vor allem die Minuten, die wir am Telefon mit First-Level-Support verbracht haben. Dazu hatte ich mein neues iPad auf dem Schoß. Anhand der Beschreibung des Icons “Einstellungen” als das mit den Zahnrädern konnte ich ihr zum Beispiel helfen, das WLAN zu aktivieren, die Lesegeschwindigkeit von VoiceOver einzustellen, das Ein- und Ausschalten direkt auf den Home-Dreifachklick zu legen oder Bilder zu versenden bzw. aus Mails heraus im Album zu speichern. Manchmal hab ich sie nach einem Wort mit einem bestimmten Anfangsbuchstaben suchen lassen, manchmal hat sie mir die Worte buchstabiert.

Das Beste ist jedoch, dass sie endlich einen Sinn in schriftlicher Kommunikation sieht und es auch viel besser geht, ihr ganz lllllaaaannnngsaaammm zu diktieren, statt die Wörter zu buchstabieren.

Es ist schön zu sehen, dass das iPad mit VoiceOver (nicht nur) für Analphabeten dazu beitragen konnte, ein Stück Leben, das ihr bisher verschlossen war, näher zu bringen!

P.S: wie sie Texte kopieren kann verrate ich ihr nicht!

Mehr zum Thema Barrierefreiheit in meinem Blog